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Ein echt sympathischer Werder-Coach: Für Nouri ist die Familie eine Oase

Seit knapp drei Monaten ist Alexander Nouri Cheftrainer des SV Werder – und hat dabei schon alle Höhen und Tiefen erlebt. Nach einem Aufschwung mit sieben Punkten aus drei Spielen am Stück, gab es vier Pleiten in Serie und das gruselige 2:2 im Nordderby beim Hamburger SV. Danach wirkte der 37-Jährige schon etwas angeschlagen. Doch seit Sonnabendnachmittag ist Nouri wieder obenauf. Der 2:1-Heimsieg hat auch ihm sehr gut getan. Wie er mit dem Druck umgeht, wo er ausspannt und was er mit Werder alles noch vorhat, das verrät der Coach im Interview.

Herr Nouri, fühlen Sie sich jetzt als richtiger Bundesliga-Trainer?

Alexander Nouri: Die Schnelllebigkeit dieses Geschäfts, dieses extrem Ergebnisorientierte – das spürt man schon sehr deutlich. Aber ich fühle mich als Trainer, der wahnsinnig viel Spaß daran hat, sich mit dem Trainerteam zusammen Gedanken zu machen, wie man einzelne Dinge verbessern kann.

„Das Ruder habe ich ganz sicher nicht alleine rumgerissen. Das machen wir alle gemeinsam – Trainerteam, Mannschaft, einfach alle. Entscheidend ist, dass man eine Linie hat und sich davon auch durch Höhen und Tiefen nicht abbringen lässt.“

Nouri: Da muss man reinwachsen und es akzeptieren. Schließlich profitieren wir davon auch.

Was meinen Sie damit?

Nouri: Die unheimlich hohe Aufmerksamkeit für unseren Sport hat viele positive Auswirkungen für uns. Aber eben auch negative. Natürlich wollen wir unseren Weg mit Punkten pflastern, aber die Leistung spiegelt sich eben nicht immer in guten Ergebnissen wider.

Sie haben nach fünf sieglosen Spielen mit dem Erfolg gegen Ingolstadt bewiesen, dass Sie das Ruder rumreißen können. Stärkt Sie das?

Nouri: Das Ruder habe ich ganz sicher nicht alleine rumgerissen. Das machen wir alle gemeinsam – Trainerteam, Mannschaft, einfach alle. Entscheidend ist, dass man eine Linie hat und sich davon auch durch Höhen und Tiefen nicht abbringen lässt.

In den Medien wird die Kritik aber immer lauter, es gebe gar keine Linie und die Mannschaft habe keine Struktur. Trifft Sie das?

Nouri: Auch diese Dinge sollte man nicht zu hoch hängen. Wir wissen schon genau, welche Struktur wir haben wollen, in welchen Zonen wir mit welchen Leuten wie verteidigen wollen. Es gibt ganz klare Verhaltensweisen. Dass der eine oder andere das von außen nicht so differenziert analysieren kann wie wir, damit muss man einfach leben. Natürlich müssen wir noch hart arbeiten. Aber ich sehe viele gute Dinge, die wir auf den Weg gebracht haben.

Hat sich Ihr Leben als Bundesliga-Trainer verändert?

Nouri: Natürlich werde ich jetzt öfter angesprochen – genauso wie die Familie. Aber bislang ist das völlig okay. Und ich bin auch nicht der Typ, der die Obernstraße in Bremen rauf- und runterläuft . . .

Wo bauen Sie Ihren Stress ab, wo können Sie mal runterfahren?

Nouri: Zu Hause. Da bin ich direkt im Familienalltag. Meine beiden kleinen Kinder differenzieren eben nicht nach Punkten und Tabellenplätzen. Da wird man sofort wieder geerdet. Das ist eine Oase für mich, wo man auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zurückkommt.

Wie viele Punkte brauchen Sie in den nächsten drei Spielen, damit es frohe Weihnachten werden?

Nouri: Jeder Punkt tut uns gut. Ich werde aber keine Zahl nennen.

„Delaney wird uns weiterhelfen. Ansonsten sind Frank Baumann und ich bei dem Thema sehr eng beieinander.“

Wird in der Winterpause alles umgekrempelt?

Nouri: Wir haben ja schon angekündigt, dass wir die Kaderstruktur optimieren wollen.

Haben Sie schon mit den Profis gesprochen, die in Ihren Planungen keine Rolle mehr spielen?

Nouri: Das haben wir mit dem einen oder anderen schon gemacht. Aber Namen werde ich nicht nennen.

Wünschen Sie sich neben dem bereits feststehenden Neuzugang Thomas Delaney weitere Verstärkungen?

Nouri: Delaney wird uns weiterhelfen. Ansonsten sind Frank Baumann und ich bei dem Thema sehr eng beieinander.

Sie haben als Trainer der U 23 gerne mit Dreierkette spielen lassen. Werden Sie dieses System im Winter auch bei den Profis einführen?

Nouri: Entscheidend ist immer, welche Spielertypen man hat. Wie kann man deren Qualitäten gewinnbringend auf den Platz bringen? Es geht immer um die übergeordneten Prinzipien, die sich nicht verändern: Also zum Beispiel, wie wir in den Räumen verteidigen wollen, wo wir Überzahl schaffen wollen. Das gilt unabhängig von einer Dreier- oder Viererkette. Aber es ist schon richtig: Ich mag die Dreierkette, ich mag die Struktur auf dem Feld im 3-4-3 oder im 3-5-2, weil die Räume gut besetzt sind und für die Spielverlagerung immer eine Anspielstation auf der ballfernen Seite vorhanden ist.

Nouri will seine Aussagen zu Fitnessproblemen der Mannschaft nicht zurücknehmen

Als Sie vor einer Woche von einem Fitnessproblem der Mannschaft berichtet haben, hat das hohe Wellen geschlagen. Ärgern Sie sich inzwischen über Ihre Aussagen?

Nouri: Nein, denn da sind wir uns alle inhaltlich einig.

Wer ist „Wir“?

Nouri: Wir im Trainerteam, aber auch in der sportlichen Führung.

Sie haben gesagt, das neue Konzept in der Sommer-Vorbereitung von Axel Dörrfuß, also dem Chef des Fitnessbereichs, sei nicht aufgegangen. Wie ist da eine weitere Zusammenarbeit möglich?

Nouri: Ich habe keine Namen hervorgehoben. Solche Pläne verfolgt man immer als Team und man ändert sie als Team. Axel ist unumstritten, was seine Kompetenz betrifft. Wir vertrauen ihm. Er ist komplett eingebunden.

Wenn der Nachfolger sagt, die Mannschaft ist nicht richtig fit, dann wirft das kein gutes Licht auf den Vorgänger – in diesem Fall Viktor Skripnik. So ein Nachtreten ist in der Branche eigentlich verpönt.

Nouri: Es war einfach eine Analyse von uns, das ging in keine Richtung. Wir haben Ansätze gesucht, um Dinge zu verbessern. Und es war nur ein Bereich von vielen, den wir identifiziert und nach unseren Vorstellungen verändert haben.

„Das Umschaltspiel ist doch ein elementarer Bestandteil des heutigen Fußballs. Man braucht das gegen jeden Gegner in beide Richtungen, um Kompaktheit für die Defensive zu generieren und darauf auch die Konter aufzubauen. Dafür ist die Fitness die Basis.“

Alle befragten Profis haben behauptet, sie seien fit. Und Thanos Petsos hat gesagt, die angeblich schlechten Werte in den Spielen könnten auch am zu intensiven Bremer Spielstil liegen. Andere Teams wie Frankfurt würden nicht ständig umschalten wollen, sondern auch Ruhepausen in ihr Spiel einbauen. Hat er Recht?

Nouri: Das sehe ich nicht so.

Wie sehen Sie es?

Nouri: Man hat gewisse Phasen im Spiel, in denen muss man bereit sein, die Intensität aufzunehmen. Dazu sind wir in der Lage.

Trotzdem: Ist Ihr dauerhaftes Umschaltspiel zu anstrengend?

Nouri: Das Umschaltspiel ist doch ein elementarer Bestandteil des heutigen Fußballs. Man braucht das gegen jeden Gegner in beide Richtungen, um Kompaktheit für die Defensive zu generieren und darauf auch die Konter aufzubauen. Dafür ist die Fitness die Basis. Und da haben wir uns gut entwickelt.

Fangen Sie eigentlich an zu träumen, wenn Ihre namhafte Offensive mit Pizarro, Kruse und Gnabry wie gegen Ingolstadt für einen ganz kurzen Moment ein bisschen zaubert?

Nouri: Natürlich regt das unsere Phantasie an. Wir hatten wirklich viele gute Umschaltaktionen gegen Ingolstadt. Da fehlte oft nur der letzte Ball. Es war kein Zufall, dass wir da vorher gut rauskombiniert haben. Viele Spieler haben wegen ihrer Verletzungspausen aber noch nicht so lange zusammengespielt. Das muss sich alles noch etwas mehr finden.

Der „kicker“ hat aufgrund der großen offensive Qualitäten im Team von einer „Flucht nach vorne“ geschrieben. Machen Sie es wie einst Thomas Schaaf, der die Spiele oft vorne und nicht hinten gewonnen hat?

Nouri: Wir sollten bestrebt sein, beide Themen – Offensive und Defensive – als Mannschaft anzugehen. Aber ich bediene mich gerne auch dieser berühmten Floskel: So lange wir ein Tor mehr schießen . . .

Aron Jóhannsson soll unter Nouri weiter Gas geben

Tore könnte auch Aron Jóhannsson als Stürmer beisteuern, aber Sie haben ihn kaum berücksichtigt und bei Journalisten und Fans damit für Unverständnis gesorgt. Was ist da passiert?

Nouri: Wir bewerten das Training und haben uns am Anfang für andere Stürmer entschieden. Zuletzt hat er auf sich aufmerksam gemacht, deswegen haben wir ihn in den Kader geholt. Ich hoffe, dass er jetzt weiter Gas gibt.

Beim 2:1-Siegtreffer gegen Ingolstadt bebte das Weserstadion. Ist das die Belohnung für den ganzen Stress?

Nouri: Na klar. Jeder im Stadion stand gefühlt das ganze Spiel über mit auf dem Platz. So ging es mir doch auch. Dann freut man sich auch entsprechend. Da spürt man dann immer diesen besonderen Schulterschluss zwischen der Stadt und dem Verein.

Sie wirkten nach dem Schlusspfiff in Ihrem Jubel etwas gehemmt und nicht so enthusiastisch wie beim Sieg gegen Wolfsburg.

Nouri: Ich habe ja damals schon gesagt, dass es eine Extremsituation war und dass ich nicht jedes Spiel zur Eckfahne rennen werde.

Sie haben diesmal immerhin Claudio Pizarro in die Luft gehoben.

Nouri: Er hatte ja auch ein tolles Spiel gemacht.

Wen heben Sie am Samstag nach dem Spiel in Berlin in die Luft?

Nouri: (lacht) Am liebsten die gesamte Mannschaft.  (kni/mr)

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