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Stromtrassen als Achillesferse der Windenergie

Die Ökostrom-Förderung soll ab 2017 neu geordnet werden. Ein wichtiger Punkt dabei: Der Bau neuer Windparks soll kräftig gedrosselt werden, weil schlicht die Stromleitungen fehlen, um die Windenergie von Nord nach Süd zu transportieren. Ein Plan, der beim Windgipfel des Presseclubs Bremerhaven-Unterweser heftig diskutiert wurde.

Andreas Wellbrock, Geschäftsführer der Windenergie-Agentur WAB, hält das für den falschen Weg: „Wenn man in Paris Klimaziele vereinbart, muss man diese auch einhalten. Das geht nicht, indem man den Windkraft-Ausbau drosselt“, kritisiert er. Das Dilemma sei, dass niemand damit gerechnet habe, wie schnell die Windindustrie wachse. Die Netze hätten nicht mitgehalten. „In der Zeit, in der wir mit Tempo groß geworden sind, wurde der Netzausbau hin- und hergeschoben statt forciert“, bemängelt Wellbrock. Man dürfe aber das Tempo nicht dem Langsameren – also dem Netzausbau – anpassen, sondern müsse vielmehr den Langsameren beschleunigen.

Beckmeyer: Verknüpfung von Windenergieausbau und dem Ausbau der Netze ist der richtige Weg

Dem widerspricht Uwe Beckmeyer (SPD), Parlamentarischer Staatsekretär im Wirtschaftsministerium und Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, entschieden: „Die Verknüpfung von Windenergieausbau und dem Ausbau der Netze ist der richtige Weg.“ Er selber habe für die Novelle gestimmt, weil das Gesamtkonzept richtig sei – „auch wenn ich das eine oder andere eine Nuance anders gestaltet hätte“.

Beckmeyer verweist auf die sogenannten Redispositionskosten: Durch die Windenergie ist zu viel Strom da, der nicht zum Kunden kommt, weil die Netze nicht ausreichen. Deshalb muss dieser Strom für die Kunden noch einmal erzeugt und bezahlt werden. „Das macht etwa eine Milliarde Euro im Jahr Mehrkosten aus. Das geht nicht“, betont der Politiker. Um die Bezahlbarkeit herzustellen, müsse deshalb die Einspeisung von Windstrom solange eingeschränkt werden, bis die erforderlichen Netze vorhanden seien.

Staatssekretär: Strom muss bezahlbar bleiben

„Wir dürfen den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht gefährden. Dazu muss man das Ganze im Blick haben und nicht nur eine Branche“, wirbt Beckmeyer um Verständnis. Dazu gehöre auch, dass Energie bezahlbar sein müsse, damit auch energieintensive Industrien konkurrenzfähig blieben. „Da hängen Hunderttausende Arbeitsplätze dran“, betont der Staatsseketär.

Hier setze auch ein weiterer Teil der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) an: „Bisher gab es für jeden Stromerzeuger einen fixen Preis pro Kilowattstunde. Das war in der Anfangszeit auch gerechtfertigt. Aber nun ist es an der Zeit, Marktmechanismen einzuführen.“ Deshalb würden neue Windparks ausgeschrieben, und der Anbieter mit dem günstigsten Preis erhalte den Zuschlag.

Wellbrock: Erneuerbare Energien sind nicht Schuld an hohen Stromkosten

„Die erneuerbaren Energien sind nicht die Treiber bei der Steigerung der Stromkosten“, widerspricht Wellbrock. Das zeige das Fallen der Preise an der Strombörse. Doch dieses werde durch das EEG konterkariert. Wellbrock befürchtet, dass die Offshore-Industrie ausgebremst werde. „Noch haben wir einen Vorsprung von ein bis zwei Jahren vor dem Rest der Welt. Wenn wir nicht weiterentwickeln, verspielen wir das“, warnt er. Noch investierten die Unternehmen in Innovationen.

Zudem lasse sich das Klimaziel nur mit erneuerbaren Energien erreichen. Es sei immer noch festgelegt worden, wann der Ausstieg aus der Kohlekraft komme. „Es geht nicht, dass wir auf der einen Seite die Offshore-Windenergie bremsen und auf der anderen Seite ganze Dörfer in der Lausitz plattgemacht werden, um Kohle abzubauen“, kritisiert Wellbrock.

Windenergie-Agentur: Netze ausbauen und modernisieren

Er regt an, die Arbeitsplätze aus der Kohleindustrie in die erneuerbaren Energien zu transferieren, um den Menschen die Existenzsorgen zu nehmen. Weiterhin sei es wichtig, die Stromnetzunternehmen zu motivieren, die Netze auszubauen und auch zu modernisieren. „Teilweise stammen diese Netze nämlich noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg“, sagt der WAB-Chef. Zu einer Modernisierung gehöre auch die Digitalisierung. „Damit wir wissen, wann und wo wir welche Menge an Strom benötigen. Dann kann die Produktion danach ausgerichtet werden.“ Eine Drosselung der erneuerbaren Energien sei jedenfalls der falsche Weg.