Arbeiten am Feiertag: Warum das Mitleid der Bremerhavener geheuchelt ist #isso

Juhu, Feiertag! Ausnahmsweise ist dieses Jahr am 31. Oktober (Dienstag) nicht nur in den ostdeutschen Bundesländern arbeitsfrei, sondern auch in Bremerhaven und Umgebung. Aber nicht für alle: In bestimmten Branchen müssen Arbeitnehmer auch am Reformationstag arbeiten, etwa in den Krankenhäusern, bei der Polizei oder in den Pflegeheimen.

Öffnungszeiten der Bäckereien sorgen für Debatte

Auch in zahlreichen Bäckerei-Filialen in Bremerhaven sowie Stadt und Landkreis Cuxhaven können Kunden am Reformationstag Brot, Brötchen und Kuchen kaufen. Für Kunden ist das ein angenehmer Nebeneffekt des Feiertags, für Angestellte – gerade mit Familie – natürlich ärgerlich. Doch öffentlich regten sie sich darüber nicht auf. Ganz im Gegensatz zu zahlreichen Bürgern aus der Region, die in teils drastischen Worten ihren Unmut über die geöffneten Bäckereien während des letzten Feiertages am 3. Oktober bei Facebook zum Ausdruck brachten. Tenor: Können die Leute sich nicht mal für einen Tag selbst versorgen und die Bäckereien am Feiertag nicht öffnen?


Feiertagsarbeit kommt nicht überraschend

Mehrere Beteiligte der Gruppendiskussion waren regelrecht aufgebracht und wütend darüber. Aber warum eigentlich? Keiner von ihnen machte den Eindruck, als ob sie/er feiertags für gewöhnlich arbeiten müsse. Und diejenigen, die am Tag der deutschen Einheit oder am Reformationstag tatsächlich in den Bäckereien arbeiten müssen, wissen ja hoffentlich bereits bei Antritt ihrer Stelle, dass Sonn- und Feiertagsarbeit durchaus anfallen kann. Trotzdem arbeiten sie in dieser Branche – das wird seine Gründe haben.

„Geheuchelte Solidarität“

Aber das interessierte bei dieser sehr einseitig geführten Debatte niemanden. Gegenargumente sind nicht willkommen. Stattdessen geheuchelte Solidarität ohne Ende. Denn darüber, dass die gleichen Bäcker auch jeden Sonntag geöffnet haben, verlor bei der Debatte niemand auch nur ein Sterbenswörtchen.

Gastro-Betriebe öffnen auch

Wenn man den Faden weiterspinnt, müssten auch sämtliche Restaurants, Bringdienste und (Eis-)Cafés feiertags geschlossen bleiben. Es wäre spannend zu beobachten, wie die Reaktionen ausfallen würde, wenn die Gastronomiebetriebe an Sonn- oder Feiertagen tatsächlich einmal geschlossen blieben. Das Geschrei wäre groß. Garantiert!

Verwöhnte Gesellschaft

Dass völlig unabhängig davon auch in der Region etliche weitere Arbeitnehmer am Feiertag schuften müssen, teilweise auch spätabends oder nachts, wird auch gern außer Acht gelassen und als selbstverständlich hingenommen. Man ist halt verwöhnt im postmodernen Deutschland des 21. Jahrhunderts.

Bezug zu Feiertagen geht verloren

Und da spielt es in den Köpfen vieler Menschen leider überhaupt keine Rolle mehr, weshalb wir eigentlich bestimmte Feiertage feiern. Oftmals ist jeder Bezug zu dem ursprünglichen Anlass des FEIERtags verloren gegangen. Das gilt auch für den Reformationstag. Mit Sicherheit kann ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung nicht erklären, wieso wir am 31. Oktober frei haben. Kleiner Tipp: Halloween ist nicht der Anlass 😉

Öffentliche Diskussion notwendig

Auch bei anderen Feiertagen haben immer mehr Menschen Probleme, dessen Ursprung zu erläutern. Lebensnotwendig ist das freilich nicht. Aber trotzdem traurig. Das sollte zu denken geben. Und eine breite, öffentliche Diskussion ist es auch wert – nicht nur bei Facebook in Bremerhaven und Umgebung.