Klinikdienst während der Festtage in einer psychiatrischen Abteilung

Mutter, Vater, Onkel, Tanten, Oma und Opa glücklich im Schein der Tannenbaumkerzen vereint: Weihnachten ist das Fest der Familie, heißt es. Doch nicht immer lässt sich dieses Ideal leben. Wenn man arbeiten muss. Wenn man krank im Krankenhaus liegt. Oder weil Weihnachten aus verschiedenen Gründen eher eine Angelegenheit ist, bei der man sich die Decke über den Kopf ziehen statt mit anderen feiern möchte. Iris Faschon, Stationsleiterin im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide, kennt die verschiedenen Aspekte des christlichen Festes genau.

Dienst am 25. Dezember kein Problem

Die zierliche, blonde Frau arbeitet schon lange auf einer der psychiatrischen Stationen im Klinikum. Keine Frage, dass auch sie bereits so manches Weihnachtsfest im Dienst verbracht hat. In diesem Jahr ist es am 25. Dezember soweit. Weihnachten im Krankenhaus arbeiten, während die meisten anderen Menschen bei Gänsebraten und Rotkohl feiern? Iris Faschon bekommt bei dem Gedanken keine schlechte Laune. „Wenn man weiß, dass man im Schicht-Dienst arbeitet, muss einem das klar sein.“ Und auch, wenn man sich vielleicht etwas wehmütig von Zuhause auf den Weg mache: „Wenn ich erst einmal hier bin, ist es gut.“

Intensive Gespräche mit Patienten

Damit meint Iris Faschon vor allem den Austausch mit den Patienten. Denn der hat an Weihnachten nicht selten eine ganz besondere Qualität. „Weihnachten ist ein hoch emotionales Fest. Die Gespräche sind dann oft ganz besonders intensiv“, weiß die Stationsleiterin. Immer wieder setzt sie sich dann zu den Patienten, die Weihnachten auf der Psychiatrie verbringen, weil ihre gesundheitliche Situation noch keine Entlassung hergab.

Einsamkeit nimmt zu

„Weihnachten werden vielfach Kindheitserinnerungen wach“, sagt Iris Faschon. Und die sind mitnichten immer schön. „Es gibt auch durchaus Patienten, die können Weihnachten überhaupt nicht aushalten. Die ziehen sich dann am liebsten komplett zurück. Das muss man akzeptieren.“ Besteht dann dennoch irgendwann der Wunsch nach einem Gespräch, befinden sich die Patienten auf der Station in einem geschützten Rahmen. Sind nicht einsam. Anders als viele andere Menschen draußen. „Die in Vereinsamung unserer Gesellschaft macht Menschen immer mehr zu schaffen“, hat Iris Faschon beobachtet. Das Auseinanderbrechen familiärer Netze, die Zerfaserung sozialer Beziehungen, anonymere Nachbarschaftsstrukturen, Singledasein und Ego-Gesellschaft – all das führt dazu, dass zunehmend mehr Menschen sich emotional entwurzelt fühlen. Und wenn dann Weihnachten als das Fest der Liebe und der Familie ansteht, wird manch einem die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität schmerzhaft bewusst.

Damit fertig zu werden, fällt Menschen mit seelischen Problemen oft besonders schwer. „Wir haben hier auf der Station durchaus Anfragen von Menschen, die gerade nicht stationär aufgenommen sind, denen aber der geschützte Rahmen hier gutgetan hat, ob sie uns an den Feiertagen besuchen können“, erzählt die 47-Jährige. „Das ist natürlich völlig in Ordnung für uns.“

Hier gibt es Hilfe

› Ein Anlaufpunkt bei seelischen Krisen: Unter der Federführung des Klinikums Bremerhaven-Reinkenheide gibt es nunmehr das Nachtcafé. Hier finden Menschen in emotionalen Krisen niedrigschwellige Unterstützungsangebote durch krisenerprobte Genesungsbegleiter. Das sind Menschen, die selber bereits seelische Krisen durchlebt haben. Das Nachtcafé befindet sich in der Bürgermeister-Smidt-Straße 129 in der Bremerhavener Stadtmitte und hat von montags bis freitags von 18 bis 22 Uhr geöffnet.