Am Ende müssen Rentner zum Jobcenter gehen: Versichertenältester beobachtet immer mehr Grundsicherungsfälle

Stellen Sie sich vor, Sie beantragen Ihre Rente. Sie freuen sich auf Ihren wohlverdienten Ruhestand und bekommen zu den Berechnungen ihrer Rente gleich einen Antrag auf Grundsicherung mit auf den Weg. „Bei rund jedem dritten Neurentner, der zu mir kommt, ist das mittlerweile notwendig“, so der Versichertenälteste Dieter Wilhelmi. „Für die meisten ist es ein regelrechter Schock.“

Ein Leben lang gearbeitet und dann nur 750 Euro Rente

Es sei schon kurios, wer da im Alter alles unter die Armutsgrenze rutsche, sagt er kopfschüttelnd. „Gerade in der vergangenen Woche hatte ich zwei Kaufleute hier: Beide haben ihr ganzes Leben lang voll gearbeitet, keine Lücken im Erwerbsleben, und beide müssen jetzt mit rund 750 Euro Rente im Monat klar kommen. Als sich das im Gespräch heraus stellte, war das Entsetzen groß“, berichtet der Versichertenälteste. Lückenlose Erwerbsverläufe, lebenslange Vollzeitarbeit seien schon lange keine Garanten für eine auskömmliche Rente mehr.

Grund: Kürzung des Rentenniveaus

Schuld daran sei vor allem auch die Kürzung des Rentenniveaus. „1984 bekam ein Rentner rund 74 Prozent des Durchschnittsverdienstes aller Beschäftigten an Rente. Heute liegt dieser Wert bei rund 41,3 Prozent. Das ist ein Skandal“, sagt Wilhelmi. Denn faktisch habe dies zur Folge, dass es immer mehr Facharbeiter im Ruhestand zum Sozialamt treibe. Allesamt Menschen, die fleißig gearbeitet, Wirtschafts- und Finanzkrisen des Landes mit ausgebügelt und letzten Endes den jetzt schon seit Jahren andauernden Wirtschaftsboom mit befördert hätten. „Am Ende ihres Lebens stehen sie dann genauso da, als ob sie nicht gearbeitet hätten? Das kann doch wohl nicht sein“, ist Wilhelmi, der seit mehr als 40 Jahren Menschen bei ihren Rentenanträgen berät, empört.

Haus in Gefahr

Häufig würde der Antrag auf Grundsicherung auch noch dazu führen, dass die Rentner die Häuser verlören, die sie sich im Laufe ihres Lebens zusammengespart hätten: „Das heißt, wenn ein Rentner einen Grundsicherungsantrag stellt, wird aus seinem Vermögen auch erst einmal alles verwertet, was verwertet werden kann: Das Ersparte natürlich, und dazu zählen dann folgerichtig auch Immobilien“, sagt Wilhelmi. Das Eigenheim sei also erstmal weg – selbst, wenn es zum Zeitpunkt des Renteneintritts bereits abbezahlt sei.
„Damit sind wir meilenweit von der eigentlichen Zielvorgabe der Rentenversicherung entfernt. 1916 wurde festgelegt, dass ein Rentner rund 75 Prozent vom Durchschnittsverdienst erhalten sollte. Das steht so in der Präambel der Sozialversicherung.“

Belastete Rentenkasse

Über die Rentenkasse seien im Laufe der Zeit viel zu viele rentenfremde Lasten finanziert worden: „Unter der Regierung Kohl sind rund 36 Millionen Menschen aus den osteuropäischen Erweiterungsgebieten zusätzlich in die Rentenkasse gekommen. Die Erweiterung war eine große historische Leistung keine Frage, aber die zusätzlichen Renten hätten als Kriegsfolgelasten über Steuermittel und nicht über Beiträge der Rentenversicherten finanziert werden müssen.“ Auch die rund neun Millionen Euro Mütterrente pro Jahr sind nach Wilhelmis Meinung eine Fremdlast für die Rentenkasse.
Besonders hart treffe es die Bezieher von Erwerbsminderungsrente: „Die müssen nicht nur mit der allgemeinen und unter der Regierung Schröder angeschobenen Senkung des Rentenniveaus zurecht kommen, sondern auch noch zusätzliche Abschläge in Höhe zwischen 10,8 und 12,8 Prozent hinnehmen“, sagt Wilhelmi. „Derartige Abschläge hat es früher nicht gegeben. Das Potenzial dessen, was den Rentnern genommen werden kann, ist völlig überreizt.“

Wilhelmi fordert eine große Rentenreform

Viele der Menschen, die er täglich erlebe, seien unzufrieden, fühlten sich ausgebeutet, hätten keinerlei Vertrauen in die Politik mehr. „Es wird allerhöchste Zeit, dass eine große Rentenreform auf den Weg gebracht wird“, fordert der Versicherungsälteste.