Simon Bellett: Meine Erblindung ist für mich eine Herausforderung

Angst – die kennt Simon Bellett nicht. Er erklimmt jede noch so schmale Wendeltreppe, um die Kirchenorgel zu spielen, findet sich auf der unebensten Bühne zurecht und nimmt ständig den Zug nach irgendwo – mal zum Vocal Institute nach Kopenhagen, mal zu einem Konzert nach Krautsand. Ein „bewegtes“ Leben als Bremerhavener Musiker eben. Doch eine Sache macht ihn besonders: Der weiße Stock, den er immer bei sich trägt. Simon Bellett ist blind.

„Ich sehe meine Erblindung nicht als Krankheit, sondern als Herausforderung“, sagt der 45-Jährige. Seine „Herausforderung“ hat den Namen Retinitis Pigmentosa. Bei dieser erblichen Augenkrankheit kommt es zu einem Absterben der Netzhaut. Es bleibt nur ein kleiner, zentraler Sehrest, der auch als Tunnelblick bezeichnet wird. Bellett sieht es als Vorteil, dass seine Erblindung langsam vorangeschritten ist. „Deswegen ist sie für mich kein Weltuntergang, sondern gehört zu meinem Leben“, erzählt der freischaffende Künstler.

Neue Strategien für den Alltag

Was gleichzeitig aber bedeute, immer wieder neue Strategien für den Alltag entwickeln zu müssen. Geldmünzen kann er heute nur noch erfühlen, und während er sich vor zwei Jahren noch gut in der Stadt zurechtfand, zählt er heute die Schritte, um sich besser orientieren zu können. „Ohne Taststock gehe ich nicht mehr aus dem Haus. Er ist mein dritter Arm“, sagt Bellett.

Der gebürtige Engländer, der seit über 20 Jahren in Deutschland lebt, weiß um das Privileg, dass seine Blindheit seiner beruflichen Karriere nicht im Wege steht: „Je weniger ich sehe, desto fitter werde ich in der Musik“, meint Bellett, der unzählige Instrumente beherrscht.