„Exzess und Laster“: Deichbrand-Headliner Kraftklub im Interview

Die sympathischen Chemnitzer von Kraftklub werden im Juli zum vierten Mal das Deichbrand-Festival in Wanhöden rocken. Er kürzlich haben sie ihr drittes Album „Keine Nacht für Niemand“ veröffentlicht. Im Gespräch mit Steffen Rüth erklärt Sänger Felix Brummer (27), was die Band von Drogen hält und warum sie in manchen Songs auch vor krassen Schimpfwörtern nicht zurückschreckt.

„Keine Nacht für Niemand“

Felix, euer Albumtitel „Keine Nacht für Niemand“ bezieht sich auf „Keine Macht für Niemand“ von Rio Reisers Band Ton Steine Scherben. Warum habt ihr diesen Titel gewählt? Wir fanden es spannend, dass diese Zeile komplett ihre Bedeutung verändert, nämlich vom politischen Statement zum Raver-Motto, wenn man nur einen einzigen Buchstaben austauscht. Dadurch, dass die ganze Platte überbrodelt vor Anspielungen, Zitaten und Querverweisen, wollten wir dieses Prinzip auch in den Titel übernehmen.

War Rio Reiser wichtig für euch? Ja, wir können uns kaum tief genug vor ihm verneigen. Er war immer ein riesengroßer Inspirationsquell. Er hat es geschafft, ernsthafte, starke Polit- und Protestsongs und gleichzeitig ergreifende Liebeslieder zu schreiben. Diese Mischung fand ich immer schon spannend. Generell mag ich es, wenn Bands sich nicht festlegen auf „Die Ironischen“, „Die Lustigen“ oder „Die Bösen“. Man sollte sich nicht einschnüren lassen.

„Jetzt gibt es auch ruhige Songs“

Das gilt auch für euch? Total. Bei den ersten beiden Alben sollte alles ballern und Krach machen. Jetzt haben sich neue Nuancen eingeschlichen. Natürlich gibt es noch Lieder, in denen es richtig abgeht, aber wir haben uns von dem Zwang gelöst, dass jede Sekunde in jedem Song immer aufs Livespielen ausgerichtet sein muss. Jetzt gibt es auch ruhige Songs, die schön sind und bei denen klar ist, dass die Leute nicht ausflippen werden.

Warum habt ihr euch geöffnet? Weil es höchste Zeit war. Die typische Kraftklub-Art, einen Song aufzubauen und abzuballern, hatten wir zur Genüge durchexerziert. Die Frage war: Wiederholen wir uns oder befreien wir uns? Von Anfang an waren wir uns einig, dass wir mehr probieren und die selbstauferlegte Beschränkung kippen wollten. Den Kraftklub-Sound wird man natürlich trotzdem immer heraushören.

„Brit-Pop ist ein Einfluss“

Nummern wie „Sklave“ oder das sehr tanzbare „Liebe zu Dritt“ erinnern an den Brit-Pop aus den Neunzigern. Mit Absicht? Ja, auf jeden Fall. Brit-Pop ist ein Einfluss, aber nicht der einzige. „Sklave“ besteht aus vielen weiteren Referenzen, das ganze Album ist gewissermaßen ein Füllhorn der Referenzen und Inspirationen. Da sind viele Wegbereiter dabei, die uns in der Jugend geprägt haben oder auch heute noch Vorbild sind.

Wer genau? „Am Ende“ klang zum Beispiel, als würde Sven Regener mitsingen. Das verraten wir nicht. Viele Wegbegleiter kann man gar nicht heraushören, die singen vielleicht irgendwo im Chor mit. Nur für uns fünf ist wichtig, dass so viele Gastmusiker dabei sind, der Hörer wird den Unterschied gar nicht merken. Wir wollten uns nicht mit den Gästen brüsten, sondern haben halt Leute gefragt, die wir cool finden.

„Rauchen ist unsere Droge“

Und einen Pro-Drogen-Song wie „Chemie Chemie Ya“ zu schreiben? Die Nummer spiegelt unser extrem ambivalentes Verhältnis zu Drogen wider. Auf der einen Seite sind Drogen unbestreitbar megacool, auf der anderen Seite leben wir in einer Stadt, in der man unmittelbar mit ansehen kann, was Drogen anrichten. Wir wohnen in Chemnitz direkt an der Grenze zu Tschechien, und somit an einer der Haupteinflugschneisen für Crystal Meth. Schon traurig, was man da zu sehen bekommt. Allerdings sind Drogen auch in gehobenen Kreisen allgegenwärtig. Die Leute achten auf ihre nachhaltig hergestellten Schuhe, aber beim Kokain ist es ihnen scheißegal, wo das herkommt.

Was ist eure Droge? Rauchen! Was harte Drogen angeht, sind wir relativ prüde. Das ist nicht unser Ding.

Ist „Fenster“, indem es vor allem um Fake-News-Verbreiter geht, das am stärksten politische Stück? Es ist zumindest das Stück, dass sich am eindeutigsten in einen politischen Kontext einordnen lässt. Es gibt auch andere Songs, die man als politisch betrachten könnte, Politik ist ja mehr als nur links, rechts, geradeaus. Es geht auf dem Album viel um dieses ganzen Fitnessstudio-Typen, diese Selbstoptimierer und Noch-eine-Sprache-Lerner und damit um eine Gesellschaft, die Tag und Nacht dabei ist, eine Traumversion von sich zu erreichen und dem eigenen Ideal nachzujagen. Exzess und Laster werden häufig als schlimm empfunden in diesen Kreisen. Diese Haltung lehnen wir total ab.