Mit einem Wüstenbussard auf der Jagd

Ganz hoch oben in der alten Eiche sitzt Raigan. Der Wind saust ihm durchs Gefieder, während schrille Ruflaute seiner Kehle entspringen. „Sein“ Mensch Wolfgang Müller aus Steden (Kreis Osterholz) weiß genau, was der Wüstenbussard ihm damit sagen will: „Los komm jetzt. Lass uns jagen gehen“, übersetzt Müller. Da sind die Zwei ein eingefleischtes Team.

Streifzüge durch Wald und Forst

Und überhaupt: Raigan ist von Kopf bis Fuß auf Müller eingestellt. Auf den gemeinsamen Streifzügen durch Wald und Forst im Grenzgebiet der Kreise Cuxhaven und Osterholz hat er seinen Menschen gut im Blick. Ist, wie heute eine fremde Person mit von der Partie, behält der Vogel die Lage aus sicherem Abstand im Blick. Mit Kontakt- und Warnrufen jedoch pflegt er stets den kurzen Draht zu Müller. Dass das so ist, ist das Ergebnis eines regelrechten Trainings, das Müller mit Raigan absolviert hat.  „Am lernfähigsten ist das Tier bei mittlerer Kondition, also wenn es hungrig, aber nicht völlig ausgehungert ist“, erklärt Müller die besten Voraussetzungen für die gemeinsame Jagd.

Handschuh als sicheres Areal

Und dass der lederne Falkner-Handschuh sicheres Areal, so eine Art Schutzzone ist, hat Raigan auch mittels der Fütterungen gelernt. Bevor Müller die Leine durch die Raigan mit dem Lederhandschuh verbunden ist, löst, gibt es dann beispielsweise einige Rindfleisch-Schnipsel, ein Küken oder auch mal eine zuvor aufgetaute Ratte, die Müller über einen Großhändler bezieht. Jeden Morgen wird Raigan als erstes gewogen. „Wenn er zuviel wiegt, brauchen wir gar nicht erst loszugehen“, sagt Müller. Aber mit gesundem Appetit wird Raigan besonders für Kaninchen, Mäuse und Ratten zu einer realen Bedrohung aus der Luft.

Auf Kaninchen konditioniert

„Hat Raigan seine Beute ausgespäht, tötet er sie schließlich, indem er sie quasi erdolcht. Die Klauen werden in das Tier gerammt, der Vogel beginnt zu kneten“, beschreibt Müller den Jagdprozess. Mittels einer Attrappe hat Müller Raigan, was übersetzt kleiner König, bedeutet, auf die Jagd von Kaninchen konditioniert und insbesondere darauf, deren Kopf zu attackieren. „Das funktioniert, indem ich der Attrappe Futter auf den Kopf binde.“ Aber sind nicht auch  Hund und  Katze in Gefahr, wenn Raigan sie im heimischen Garten sieht? „Nein, Haustiere nimmt der Greifvogel schnell als Familien-Mitglieder wahr. Denen würde er nichts tun“, weiß Müller. Dieses ausgeprägte Gruppenbewusstsein ist Teil der Faszination, die die Falknerei auf Müller ausübt: „Da wird einem eigentlich wilden Tier jeden Tag die Freiheit gegeben und es kommt dennoch freiwillig wieder zurück.“