Macht Platz!

Gaffer und Pöbler behindern zunehmend Rettungsarbeiten nach Unfällen und Bränden. Sie filmen den Ort des Geschehens, beleidigen die Einsatzkräfte – und attackieren sie. Helfer wünschen sich mehr Zivilcorage von Zeugen.

Das Seestadtfest im Mai ist Frank Klaeßen, Sprecher der Feuerwehr Bremerhaven, in unangenehmer Erinnerung. Die Rettungssanitäter waren zu einem Einsatz gerufen worden. Doch der Rettungswagen kam nicht voran. Alkoholisierte Menschen stellten sich ihm in den Weg, beschimpften die Sanitäter, warfen Gegenstände gegen das Fahrzeug.  „Beleidigungen gehören bei uns zur Tagesordnung. Das nehmen wir schon gar nicht mehr wahr“, sagt Frank Klaeßen, Sprecher der Feuerwehr Bremerhaven, „aber das Verhalten ging zu weit.“ Die Helfer erstatteten Anzeige gegen die Gaffer.

Gaffer behindern zunehmend die Rettungsarbeit

Noch rabiater wurde ein Notarzt angegangen, nachdem er zu einem medizinischen Notfall in einen Supermarkt gerufen worden war. Ein Kunde attackierte den Arzt – und wurde dann des Hauses verwiesen. „Ein Mitarbeiter des Supermarkts warf den Mann aus dem Laden.  So eine Zivilcourage brauchen wir“, berichtet Klaeßen.

Weil immer wieder brenzlige Situationen passieren, hat die Feuerwehr Bremerhaven ihre Rettungswagen seit sieben Jahren mit Videokameras ausgestattet. Sie filmen während eines Einsatzes den Außenbereich, nach drei Tagen werden die Aufnahmen gelöscht – es sei denn, es passiert etwas und sie werden für die Beweisaufnahme benötigt. „Die Kameras sind keine Ritterrüstung, aber sie geben den Kollegen zumindest ein subjektives Sicherheitsgefühl“, sagt Klaeßen. Das gilt auch für den Notrufknopf, der an jedem Funkgerät angebracht ist.

Auf das Gaffer-Phänomen hat der Gesetzgeber reagiert: Wer Rettungskräfte behindert oder Unfallopfer filmt, muss mindestens mit einer Geldstrafe rechnen. „Gaffer machen sich keine Gedanken darüber, dass Unfallopfer eine schützenswerte Privatsphäre haben“, sagt der Bremer Notfallsanitäter und Leiter der Wache des Roten Kreuzes in Bremen-Gröpelingen, André Mawn. Die Sensationslust habe mit den technischen Möglichkeiten zugenommen. Wenige Minuten nach einem Unfall in Gröpelingen etwa habe ein Kurzvideo von der Unfallstelle auf Facebook gestanden, erzählt Mawn. Für viele zählten offenbar nur noch die Klickzahlen und Likes in den sozialen Medien. „Darum fühlen sich viele Gaffer dazu berufen, eine Situation lieber zu fotografieren oder zu filmen, als tatsächlich zu helfen“, sagt Andreas Desczka von der Feuerwehr Bremen.

Klickzahlen statt Erste Hilfe

Furore machte zuletzt ein Polizist in Bayern: Nach einem tödlichen Unfall auf der Autobahn 6 staute sich wegen filmender Lkw-Fahrer der Verkehr auf der Gegenfahrbahn. Der Polizeibeamte forderte die Fahrer auf, auszusteigen und sich den Unfallort anzuschauen. „Sie wollen tote Menschen sehen? Fotos machen?“, fragte er einen tschechischen Fahrer auf Englisch, der zuvor Fotos vom Unfallort gemacht hatte. Zu sehen ist das auf einem im Internet veröffentlichten Video. Der Fahrer lehnte irritiert ab. „Wir stellen fest, dass dieses direkte Konfrontieren mit der Situation die Leute schon schockiert“, sagte der Polizist dem Bayerischen Rundfunk.

Nur einmal hat es André Mawn erlebt, dass  ein Rüpel im Nachhinein Reue zeigte. „Der war betrunken und hatte uns bei einem Einsatz beleidigt, das ging ordentlich unter die Gürtellinie.“ Eine Woche später sei er auf der Woche aufgekreuzt und habe sich entschuldigt. „So etwas ist aber die absolute Ausnahme.“

Notfallsanitäter André Mawn berichtet über Erfahrungen mit Gaffern.
Notfallsanitäter André Mawn. Foto: Jens Lehmkühler

Wie verhalte ich mich richtig am Unfallort?

Manche Unfallzeugen haben Angst, falsch zu reagieren. Und machen im Zweifel lieber gar nichts. Das allerdings kann Konsequenzen haben, wie Andreas Desczka von der Feuerwehr erklärt:

„Jede Person ist zur Hilfe verpflichtet, unterlassene Hilfeleistung kann geahndet werden. Allerdings muss sich keiner selbst in Gefahr begeben. Zumindest muss man Hilfe per Notruf 112 anfordern. Jeder Autofahrer muss mindestens einen Erste-Hilfe-Lehrgang besucht haben. Falsches Handeln gibt es eigentlich nicht, es sei denn, man tut nichts. Selbst eine Betreuung und Beruhigung eines Unfallopfers kann schon Wunder wirken. Im Zweifel erhält man bei einem festgestellten Atemstillstand über den Notruf Hilfestellungen bei der Herzdruckmassage. Nebenbei: Explodierende Fahrzeuge gibt es nur im Film. Und ganz wichtig beim Stau auf der Autobahn: Rettungsgasse bilden. Mir scheint, dass viele Fahrer sich der Sachlage nicht bewusst sind. Oft wird eine Rettungsgasse erst dann gebildet, wenn sich Einsatzfahrzeuge nähern. Das ist zu spät. Vor allem muss die Gasse belassen werden, auch wenn Einsatzfahrzeuge durchgefahren sind – weitere könnten folgen.“