Zu wenig Plätze: Frauenhäuser müssen Schutzsuchende abweisen

In den 40 Frauenhäusern in Niedersachsen mussten im vergangenen Jahr mehr als 2600 Hilfesuchende abgewiesen werden – weil kein Platz mehr frei war. Diese Zahlen hatte die NDR-Sendung „Hallo Niedersachsen“ veröffentlicht. Besonders brisant: In der Wesermarsch gibt es nicht mal ein Frauenhaus.

1800 Frauen Schutz gewährt

Die 40 Frauenhäuser in Niedersachsen haben zusammen 358 Plätze für Hilfe suchende Frauen. Im vergangenen Jahr haben dort nach NDR-Angaben rund 1800 Frauen Schutz gefunden. Neun niedersächsische Landkreise haben derzeit kein Frauenhaus. Darunter der Landkreis Cloppenburg, die Wesermarsch und das Ammerland. Dabei hat sich Deutschland gesetzlich verpflichtet, Frauen ausreichend Schutz zu bieten.

400 Plätze fehlen

Davon ist Niedersachsen jedoch laut NDR weit entfernt, denn derzeit fehlen im Land mehr als 400 Plätze. Allein in der Landeshauptstadt und der Region Hannover sind es mehr als 60.

Kritik an der Wesermarsch

Dass es in der Wesermarsch keine Einrichtung wie ein Frauenhaus gibt, kritisiert Heike Herold. Sie ist Geschäftsführerin des Dachverbandes Frauenhauskoordinierung. „Die Kommunen stehlen sich so aus der Verantwortung. Nur weil es keine Pflichtaufgabe ist, entscheiden sie sich dazu, das Thema nicht anzugehen“, sagt die Heike Herold.

Kreis verweist auf andere Häuser

Der Landkreis Wesermarsch argumentiert auf die Frage, warum es hier kein Frauenhaus gibt, mit den anderen Einrichtungen der Umgebung. Bedrohte Frauen könnten in jedem Frauenhaus unterkommen, das freie Plätze vorhalte, sagt Kreis-Sprecher Matthias Sturm. „Bedrohte wählen aber teilweise gerade auch ein möglichst entfernt liegendes Frauenhaus aus.“

Frauen wollen nicht weit weg

Diesem Argument tritt Heike Herold entgegen. „Die meisten Frauen suchen nur kurzfristig Schutz. Sie wollen gar nicht unbedingt ihr persönliches Umfeld verlassen, besonders, wenn Kinder weiter zur Schule oder zum Kindergarten gehen sollen.“

Immer der Reihe nach

In Oldenburg werden die elf Erwachsenen- und neun Kinder-Plätze der Reihe nach vergeben – unabhängig vom Wohnort der Frauen. So sind 50 Prozent der Frauen aus der Stadt Oldenburg, 30 Prozent aus dem Umland (Wesermarsch, Ammerland und Cloppenburg, wo es auch kein Frauenhaus gibt) und 20 aus dem Bundesgebiet.

Mehr Plätze benötigt

„197 Frauen und 253 Kinder haben wir in 2017 aufgrund von Platzmangel ablehnen müssen“, sagt die Einrichtungsleiterin Anja Kröber. „Wir brauchen dringend weitere Frauenhäuser im Umland, weil wir längst an unserer Kapazitätsgrenze angelangt sind.“

Frank Lorenz

Frank Lorenz

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Frank Lorenz, Jahrgang 1982, stammt aus Bremerhaven und ist seit 2008 Redakteur bei der Kreiszeitung Wesermarsch. Er studierte Journalismus und Technische Kommunikation im Ruhrgebiet und volontierte bei der Nordsee-Zeitung.