Mein erstes Mal…in den verruchtesten Kneipen Bremerhavens

Irgendwann ist immer das erste Mal. Für alles. Oder zumindest für fast alles, denn manches macht man auch nie. Aus Angst, Scham, Vorurteilen, Unwissenheit oder weil man es eben aus Prinzip einfach nicht tut. Damit ihr aber nicht alles selbst ausprobieren müsst, berichtet unser nord24-Reporter Felix Filke wöchentlich in der Kolumne „Mein erstes Mal…“ von Selbstversuchen, die lustig, peinlich, interessant oder einfach nur schmerzhaft sind. Heute: Mein erstes Mal…in den verruchtesten Kneipen Bremerhavens.

Kneipentour durch Lehe

Wer kennt sie nicht: schummrige und zwielichtige Kneipen, in die man nie einen Fuß setzen würde. Von außen zu schäbig, von innen zu verraucht, die Gäste zu fertig. Aber hey, warum denn nicht mal genau deswegen hingehen? Einen Versuch ist es allemal wert. Und welcher Stadtteil würde sich für so eine Kneipentour besser eignen als Lehe?

Es gibt viele Dinge die Felix Filke noch nie gemacht hat. Für nord24.de holt er so einiges nach. Foto: Scheschonka / Montage: Gefers

Wie Boxer im Ruhestand

Es ist Freitagabend, 23 Uhr. Den Anfang macht die Stadtparkstuben in der Neuelandstraße/Ecke Wülbernstraße. Drinnen ist es überraschend voll, vor allem an der Theke tummeln sich allerlei junge Typen, denen man ansieht, dass sie nicht zum ersten Mal hier sind. Die sind alle schon ziemlich dicht und sehen aus wie Boxer im Ruhestand.

Diskokugeln, amerikanische Nummernschilder und ein paar Bilder „schmücken“ den Raum. Das einzig Moderne ist eine digitale Musikbox, aber die funktioniert nicht. Getanzt wird trotzdem, die einzige Frau in der Kneipe wiegt sich in den Armen eines bestimmt 80-jährigen Mannes.

Kakao statt Alkohol

Die Musik aus dem Radio wird immer lauter, unterhalten ist bei dem Lärm fast nicht mehr möglich. Da hole ich mir lieber noch ein Bier. Derweil sitzt Harald einen Tisch weiter und schlürft seinen Kakao – so wie jeden Abend. Zu Hause fühlt er sich alleine, erzählt er mir, und deshalb kommt er her. Alkohol trinkt er schon lange nicht mehr.

„Hau ab, du Hurensohn!“

Und plötzlich fliegen die Fäuste. Irgendwer soll die Freundin von irgendwem angebaggert haben. Und da haut Mann, wenn er schon einiges intus hat, schon mal zu. Und schimpft ganz dolle: „Hau ab du, Hurensohn!“ Das tut der Angesprochene aber nicht, sondern haut lieber lallend zurück. Und fängt sich eine blutende Kopfwunde ein.

Zeit für mich, zu gehen. Das finden auch Revolverheld, die ihr „Lass uns gehen“ aus den Boxen schreien. Und Harald findet das auch. Ich muss unbedingt in den Blauen Peter, sagt er. Da ist immer was los.

Von Freitag bis Montag in der Kneipe

Denkste! Im Blauen Peter in der Rickmersstraße herrscht gähnende Leere. Ich bin zu früh da, sagt Barkeeperin Gabi. Es ist kurz nach Mitternacht, aber erst ab halb zwei soll es hier richtig abgehen. Dann kommen sie von überall her – und bleiben. Manche Stammkunden kommen am Freitag und gehen erst Montagmittag.

Solange ist der Blaue Peter ihr Zuhause: Typen die hier schlafen, mit dem Arm auf dem Tresen, gehören zum Inventar. „Ich bin dann Arzt, Seelsorger und Partnervermittler“, zählt Gabi auf. Und mit Sicherheit ist sie noch viel mehr.

Wer in die Stadtparkstuben geht, kann etwas erleben. Foto: Filke

Die Polizei als „Stammgast“

„Wir sind hier die Anlaufstelle für alle und jeden. Und wir sind die, die immer noch offen haben, wenn alle anderen schon zu haben.“ Denn von Donnerstagabend bis Montagmittag kann man hier rund um die Uhr ein und aus gehen – der Blaue Peter hat durchgängig offen. Da wundert es nicht, wenn Gabi sagt: „Die Polizei ist jeden zweiten Tag hier.“ Da fällt mir der Glaube beim nächsten Satz schon schwerer: „Ich liebe diesen Job.“

Bier und Karaoke

Mein nächster Stopp ist ein paar Häuser weiter der Kabayan Beergarden, eine philippinische Karaoke-Bar. Zwar bin ich völlig unmusikalisch, aber ein Bier kriegt man da doch bestimmt. Keine zehn Minuten dort, hänge ich schon an der zweiten mir ausgegebenen Flasche. Immer mehr Filipinos scharen sich um mich und wollen mir ihre Geschichte erzählen.

Die immer ähnlich sind. Sie kommen mit den Schiffen, auf denen sie arbeiten, weil es in ihrer Heimat keine Arbeit gibt. Und sie haben Heimweh – so weit und so lange fort von ihren Familien. „Aber wir haben keine andere Wahl.“ Ob das Singen gegen Heimweh hilft? Ich weiß es nicht, habe aber schneller als mir lieb ist selbst das Mikro in der Hand.

Dieter Bohlen hätte seine helle Freude

Ich weiß gar nicht genau, was ich da singe – aber so schlecht kann ich es nicht gemacht haben. Denn meine neuen Freunde führen mich in ein Hinterzimmer ohne Fenster, dafür mit Leinwand und großer Tanzfläche. Und da stehen sie, die philippinischen Goldkehlen – und singen schöner als jeder DSDS-Gewinner.

Da möchte ich mich nicht einmischen, das ist nicht meine Liga. Sie lassen mich aber nicht gehen, ohne mir das Versprechen abzunehmen, sie irgendwann auf den Philippinen zu besuchen. Die mir zugesteckten Visitenkarten werde ich jedenfalls aufheben.

Entscheidungen müssen getroffen werden

Aber erst mal muss ich diese Nacht überstehen. Nach der Rickmersstraße ist die „Alte Bürger“ dran, aber hier finde ich nur mehr oder weniger „Standard-Kneipen“ wie Kapovaz und Rüssel. Da hält mich nix. Also noch kurz ins Yesterday reingeschaut und ein vorletztes und letztes Bier gekippt. Ist ja auch schon vier Uhr. Kurz überlege ich, ob ich noch mal im Blauen Peter vorbei schauen sollte. Aber ich entscheide mich dagegen – ich will auf keinen Fall am Tresen schlafen.