Extremisten im Internet: Soziale Netzwerke dienen als Einfallstore

Mystische Stimmung, Fackelschein, ein wuchtiger Klangteppich. Die Fackelträger tragen weiße Masken, strömen wie eine Welle durch die Straßen. Dieses Video aus der rechtsextremen Szene spielte Referent Christoph Bernstiel bei einem Workshop der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) Werkstattschülern in Bremerhaven vor, um sie für extremistische Inhalte im Internet zu sensibilisieren.

„Was meint ihr, wie viele Menschen sind das?“, fragte der Politikwissenschaftler und Soziologe Bernstiel in die Gruppe hinein. Zögern, ein Jugendlicher meldete sich. „100 000 vielleicht“, mutmaßte er und ging damit den Machern des Videos auf den Leim. „Nein“, sagte Bernstiel. „Es sind vielleicht 150. Es wird im Video lediglich so aufgebauscht“, sagte der Referent, der gemeinsam mit Dr. Marwan Abou Taam in die Werkstattschule gekommen war, um die Mechanismen aufzuzeigen, die junge Leute in radikale Kreise ziehen – sei es in rechts- oder linksextreme oder solche mit islamistischem Hintergrund.

„Spielt jemand Ego-Shooter?“, fragte er die Jugendlichen weiter. „Ja“, ein Junge meldete sich und griente. Bernstiel ging auf die Namen ein, mit dem sich Spieler bei den Spieleportalen anmelden. „Wisst ihr, was die 88 bedeutet“, fragte Bernstiel, was dahinterstecken kann, wenn diese Zahl sich in dem Nicknamen eines Spielers zeigt. „Heil Hitler“, so Bernstiel. Denn die Acht stehe für das H, den achten Buchstaben im Alphabet. Die 18 hingegen stehe für Adolf Hitler.

Extremisten richten sich grundlegende Werte

Bernstiel hatte Zahlen im Gepäck: So gebe es rund 26700 Linksextreme in Deutschland, davon seien rund 7700 gewaltbereit. Von 21700 Rechtsradikalen seien bundesweit etwa 11800 zur Gewalt bereit.
„Extremisten richten sich gegen grundlegende Werte“, erläuterte Bernstiel. Das seien etwa Menschenrechte, oder die Freiheit bei der Berufswahl, des Glaubens. „Es ist der Gegenbegriff zum demokratischen Verfassungsstaat.“ Sie verstünden es, das Internet und somit die sozialen Netzwerke als Einfallstore zu nutzen, und dort ihre Botschaften zu transportieren, die von den Nutzern, den Multiplikatoren, mit einem Klick geteilt würden.

„Sie greifen aktuelle Themen auf und geben einfache Antworten auf komplexe Fragen“, so Bernstiel. Außerdem verstünden es extreme Gruppen, ein starkes Wir-Gefühl aufzubauen, es gebe ein klares Feinbild. So nutzen Extremisten etwa auch die Möglichkeit des Flashmobs, eine Aktion, bei der sich Menschen über das Internet zu einer Spontan-Aktion verabreden. Der Aufmarsch der weißmaskierten Fackelträger im Video sei beispielsweise bei einem Flashmob entstanden.

Rechtsradikale verkleiden sich als Krümelmonster

Zudem werde auf Humor gesetzt. In einem Video springen junge Leute zu Musik umher, ein Mädchen hält ein Schild hoch: „Mehr Sex mit Nazis“, steht auf der einen Seite drauf. „Ungeschützt“, auf der anderen. Auch als Krümelmonster verkleidet sind die Rechtsradikalen im Internet in Videos zu sehen. Die Anonymous-Maske, die weiße Maske aus dem Film „V wie Vendetta“, die eher der linken Szene zugeordnet wird, hätten sich die Rechten ebenfalls angeeignet. So fänden sie Wege, zu irritieren und ihre Ansichten loszuwerden, ohne sich eindeutig einer Gruppierung zuordnen zu lassen.

„Die Ideologie wird oft hinter banalen Botschaften versteckt“, so Bernstiel weiter und zeigt dabei auf, was die Extremen beherrschen und wo es bei der Aufklärung in Sachen Extremismus noch hapert – in der richtigen Ansprache der Jugendlichen.