Werder will „kalte Pyrotechnik“ testen – Darum ist das Thema so wichtig

„Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ – so lautet einen vielzitierter Slogan in deutschen Fanszenen. Dass sie in Fußballstadien verboten ist, wissen allerdings auch die Ultras. Warum also sind die leuchtenden Fackeln immer wieder Streitpunkt? Und kann „kalte Pyrotechnik“ das Problem bald lösen?

Mannschaft nach vorne schreien

Es ist der 9. Spieltag dieser Bundesliga-Saison. Borussia Dortmund spielt gegen Hertha BSC Berlin und ich stehe auf der legendären Südtribüne im Dortmunder „Signal Iduna Park“, der für die Fans immer noch Westfalenstadion heißt. Ich stehe mitten im Stimmungszentrum, nah bei den Ultras. Und die Stimmung ist gut – eigentlich. Der BVB ist Tabellenführer und spielt begeisternden Fußball. Ich möchte an diesem Tag dazu beitragen, dass das auch so bleibt. Meine Mannschaft nach vorne schreien. Doch ab Mitte der 1. Halbzeit stimmt um mich herum kaum jemand mehr mit ein.

„Bullenschweine“

Grund dafür ist ein Polizeieinsatz vor dem Gästeblock. Nachdem die Hertha-Fans mehrfach gezündelt hatten, will die Polizei weitere Fälle verhindern – und eine Fahne beschlagnahmen, damit sich darunter niemand mehr vermummen kann. Auf die Debatte um die Verhältnismäßigkeit dieses Einsatzes möchte ich hier nicht eingehen. Jedenfalls sind die Ultra-Szenen auf beiden Seiten sich schnell einig. Die Berliner prügeln mit Fahnenstangen auf die Polizisten ein – und einige Dortmunder feuern sie dabei auch noch an. Sie stimmen Gesänge wie „All Cops Are Bastards“ oder „Bullenschweine“ an, stellen danach den Support aus Protest fast komplett ein. Als ich ein „Was soll der Scheiss?“ loswerde, werde ich von allen Seiten verständnislos angeguckt.

Haftstrafen für Bengalos?

Woche für Woche kommt es zu Vorfällen mit Pyrotechnik. Immer wieder ist die Empörung danach groß – und Politiker fordern ein härteres Durchgreifen. In dieser Woche tagen die Innenminister der Bundesländer von Mittwoch bis Freitag und beraten über mögliche Haftstrafen für das Abbrennen von Bengalos im Stadion. Die Ultras hingegen begeben sich gerne in eine Opferrolle und schimpfen über die Polizei sowie die bösen Medien, die vermeintlich nur einseitig berichten. Eine gefährliche Entwicklung – gerade in Zeiten, in denen Populisten ohnehin auf dem Vormarsch sind.

Kommerzialisierung

Woher kommt dieser Hass auf „die da oben“ – ob Medien, Staatsmacht oder Fußballverbände? Zumindest Letzteres lässt sich zum Teil nachvollziehen. Denn der Fanszene geht es längst nicht nur um Pyrotechnik. Sie ist eine von vielen Fragen, bei denen die Hardcore-Stadiongänger mit DFB und DFL im Clinch liegen. Die zunehmende Kommerzialisierung verschiebt die Gewichte seit vielen Jahren. Dort wo es früher auch noch ein wenig um den Fan ging, geht es heute oft nur noch um noch mehr Geld. Seien es Eintrittspreise, Marketing-Aktivitäten in Asien, die immer fanunfreundlicheren Anstoßzeiten zugunsten des Fernsehens oder die Tatsache, dass mancher Fan inzwischen drei Pay-TV-Abos braucht, um alle Spiele seines Vereins sehen zu können.

Stellvertretender Protest

Korruptionsskandale und die immer wieder an den Tag gelegte Arroganz gegenüber den Faninteressen tun ihr Übriges. Natürlich ist das keine Entschuldigung für Gewalt oder – was leider oft in einen Topf geschmissen wird – Gesetzesverstöße in Form von Pyrotechnik (gilt bisher allerdings nur als Ordnungswidrigkeit). Aber die bengalischen Feuer werden oft auch als stellvertretender Protest gegen all diese Entwicklungen gesehen. Trotz aller Kontrollen, gelingt es immer wieder sie zu zünden – das soll zeigen: „Ihr kriegt uns nicht klein und wir lassen uns unseren Sport nicht nehmen“. Schließlich, so finden viele Ultras, gehört Pyrotechnik fest zur Fankultur. Sie drücke Emotionen aus und erzeugen den Eindruck eines „kochenden“ Blocks, dessen Heißblütigkeit sich auf den Rasen übertragen soll.

Alternative prüfen

Sogenannte „kalte Pyrotechnik“, die in Dänemark entwickelt wurde, wird nun als Lösung für den Konflikt mit den Fans ins Spiel gebracht. Sie soll „nur“ 200 Grad heiß werden und dementsprechend ungefährlicher sein. Sie ist mit dem CE Prüfzeichen europaweit zugelassen ist und darf theoretisch in jedem Supermarkt verkauft werden. Werder Bremen spricht sich nun als erster Verein für ein Pilotprojekt aus.  „Wir haben uns entschieden, diesen Weg einzuschlagen und gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden, mit Polizei und Feuerwehr und den Fans zu prüfen, ob kalte Pyrotechnik eine Alternative sein könnte“, so Präsident Hubertus Hess-Grunewald.

Verhärtete Fronten

Auch ein Teil der Bremer Ultras zeigt sich offen (siehe Video). Ob sich jedoch auch der Rest der Fanszene überzeugen lässt und ob auch DFB, DFL und die Innenministerien kompromissbereit sind, ist angesichts der verhärteten Fronten ziemlich fraglich. Es wäre allerdings ein wichtiger Schritt, um die Fans mit „ihrem“ Fußball wieder zu versöhnen. #isso

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Peter Gassner

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Peter Gassner, geboren am Niederrhein, volontierte nach seinem Studium der Geschichte und Politik im mittelhessischen Marburg bei der dort ansässigen Oberhessischen Presse. Nach Zwischenstation beim General-Anzeiger in Bonn wurde er nun an die Nordsee-Küste gespült. Besonderes Interesse an Sport aller Art.